Reizdarm: Diagnose nach dem Ausschlussprinzip

Der Darm ist ein wichtiges Organ unserer Verdauung, das täglich Höchstleistung vollbringt. Doch bei etwa jedem zehnten Deutschen ist der Darm besonders sensibel und reagiert schnell gereizt. Die Folgen sind Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfungen und Durchfall. Weil diese Symptome auf eine Vielzahl an Darmstörungen hinweisen können, dauert es meist lange, bis Betroffene endgültig die Diagnose Reizdarm bekommen.

Warum die Diagnose Reizdarm nicht so einfach ist

Mann lässt sich beim Ultraschall den Bauch untersuchen

Menschen mit einem sogenannten Reizdarm leiden an verschiedenen Symptomen wie Durchfall, Blähungen, Verstopfung oder Bauchschmerzen. Warum das so ist, wissen Mediziner bisher immer noch nicht genau. Der Reizdarm wird als funktionelle Störung bezeichnet, das bedeutet, dass bisher keine organische Ursache gefunden wurde. Mediziner gehen deshalb davon aus, dass auch psychische Faktoren Einfluss haben. Das alles macht die Diagnose Reizdarm schwierig.

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Zudem sind die Symptome zum Teil sehr individuell und oft nicht eindeutig. Die Beschwerden, die meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr beginnen, können sowohl gleichzeitig als auch abwechselnd auftreten und sich hinsichtlich ihrer Intensität von Patient zu Patient stark unterscheiden. Vor allem die Vielzahl anderer Ursachen, die hinter Durchfall, Verstopfung und Co. stecken können, erschweren Medizinern eine schnelle und eindeutige Diagnose des Reizdarms. Andere chronische Krankheiten wie Colitis ulcerosa, Nahrungsunverträglichkeiten oder Nebenwirkungen von Medikamenten können ein ähnliches Beschwerdebild zeigen.

Wie stellt der Arzt eine Reizdarm-Diagnose?

Ein Reizdarm ist zwar an sich nicht gefährlich, dennoch ist es wichtig, bei entsprechenden Symptomen einen Gastroenterologen aufzusuchen. Der Facharzt ist auf den Bereich des Darmes spezialisiert und kann ernsthafte Ursachen wie Darmkrebs ausschließen. Zudem lässt sich der Reizdarm mit Medikamenten oder Homöopathie inzwischen recht gut behandeln, weshalb eine eindeutige Diagnose Betroffenen das Leben extrem erleichtern kann. Aber wie kommt der Arzt überhaupt zu seinem Befund? Neben einem Patientengespräch stehen dem Mediziner verschiedene Untersuchungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Erster Schritt zur Diagnose des Reizdarmes: Das Patientengespräch

Wichtige Erkenntnisse für die Diagnose bei einem Verdacht auf Reizdarm zieht der Gastroenterologe aus der ausführlichen Befragung seines Patienten (Anamnese). Konkret interessieren den Mediziner die Antworten auf folgende Fragen:

  • Welche Symptome treten genau auf?
  • Wann und wie lange hat der Patient die Beschwerden?
  • Hat der Betroffene Schmerzen und wenn ja wo?
  • Wie sind die Lebensumstände des Patienten?

Des Weiteren erfasst der Mediziner frühere Krankheiten des Patienten (wie einen Darminfekt), etwaige Operationen und die Familiengeschichte. Besonderer Bedeutung kommt ebenfalls der Frage zu, ob der Erkrankte einen Zusammenhang zwischen den Beschwerden und bestimmten Nahrungsmitteln beobachtet hat, weil das ein Hinweis auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit (zum Beispiel gegen Laktose) sein kann. Ernährungstagebücher können dabei helfen, unverträglichen Lebensmitteln auf die Spur zu kommen. Auch Gewichtsverlust und Blut im Stuhl sind entscheidende Details für die Diagnose; diese beiden Symptome können unter Umständen auf Darmkrebs hinweisen.

Zweiter Schritt zur Diagnose des Reizdarmes: Ausschlussdiagnose

Ergibt sich aufgrund der Angaben des Patienten der Verdacht auf einen Reizdarm, müssen im Anschluss alle anderen möglichen Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen werden. Die genaue Vorgehensweise des Arztes richtet sich dabei vor allem nach den Hauptsymptomen. Durchfall ist beispielsweise auch ein typisches Symptom bei Zöliakie, also einer Gluten-Unverträglichkeit.

Beschwerde
mögliche Erkrankung (Beispiele)
Durchfall (Diarrhö)
entzündliche Darmerkrankungen, Parasiten, chronische Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), Blindsacksyndrom (bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms zum Beispiel nach einer Darmoperation), Medikamenten- oder Nahrungsmittelunverträglichkeit
Bauchschmerzen
Morbus Crohn, Geschwürleiden, Tumore, Darmstenose (Verengung des Darms)
Verstopfung (Obstipation)
Schilddrüsenunterfunktion, chronische Beschwerden durch Divertikel (Ausstülpungen der Darmwand), Medikamentennebenwirkung
Blähungen
Blindsacksyndrom, Laktose- oder Fruktosemalabsorption (mangelnde Aufnahme aus dem Speisebrei)

Zur Überprüfung, welche Ursache hinter einem Symptom wie Durchfall, Bauchschmerzen, Verstopfung oder Blähungen steckt und um das Reizdarmsyndrom auszuschließen, stehen dem Gastroenterologen folgende Diagnose-Verfahren zur Verfügung:

  • körperliche Untersuchung: In der Regel tastet der Arzt zunächst vorsichtig die Bauchregion des Patienten ab. Dadurch kann er eventuelle Schmerzstellen oder auch Verhärtungen aufspüren, die zum Beispiel auf Divertikel hinweisen können. Divertikel sind sackförmige Ausstülpungen an der Darmwand, die sich entzünden und dadurch Beschwerden verursachen können.
  • bildgebende Verfahren: Eine sehr gängige Diagnose bietet der Ultraschall. Dadurch lassen sich krankhaft veränderte Zustände im Darm wie zum Beispiel eine Blinddarmentzündung erkennen. Die wohl wichtigste Methode zur Untersuchung des Darms stellt jedoch die Darmspiegelung dar. Hierbei wird der Arzt ein schlauchartiges Gerät (Endoskop), an dem eine kleine Kamera befestigt ist, über den After in den Darm ein und kann die Darmschleimhaut des Patienten betrachten. Die Darmspiegelung ist die beste Möglichkeit zur Erkennung von Darmkrebs. Etwas seltener werden Computer- oder Magnetresonanztomografien durchgeführt, um einen Einblick in den Darm zu erhalten.
  • Laboruntersuchungen: Ärzte können mittels Untersuchungen des Blutes im Labor Entzündungen oder Blutungen im Darm festgestellten. Stuhlproben zeigen, ob sich verstecktes Blut im Stuhl (das nicht mit bloßen Augen sichtbar ist) befindet.
  • Tests auf Unverträglichkeiten: Zur Überprüfung, ob eine Intoleranz gegenüber Kohlenhydraten, Laktose, Fruktose oder Sorbit (in vielen industriell hergestellten Lebensmitteln) vorliegt, führen Ärzte beispielsweise einen H2-Atemtest durch. Je nach Verdacht verabreicht er dem Patienten eine Zuckerart und misst nach kurzer Zeit den Wasserstoff-Gehalt in der Ausatmungsluft des Patienten. Steigt der Gehalt nach etwa 90 bis 120 Minuten an, kann dies ein Hinweis auf eine Unverträglichkeit sein. Steigt er bereits nach einer halben Stunde bis Stunde an, deutet das auf eine bakterielle Fehlbesiedlung des Darms hin. Der Darm des Menschen ist mit vielen verschiedenen Bakterien besiedelt, die ein dynamisches Ökosystem bilden. Durch verschiedene Faktoren wie zum Beispiel Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion oder Entzündungen kann sich die Darmflora verändern und Blähungen, Völlegefühl oder Durchfall verursachen.
Gut zu wissen:
Wurden alle relevanten anderen Ursachen ausgeschlossen, kann die Diagnose Reizdarm zu 95 Prozent als praktisch gesichert angesehen werden. Kommen keine neuen Beschwerden hinzu, ist eine Wiederholung der Diagnose in der Regel nicht notwendig.

Diagnose Reizdarm: Darum ist sie so wichtig

Der Weg bis zu richtigen Diagnose kann bei Darmbeschwerden oft lang und beschwerlich sein, vor allem wenn sich Patienten nicht ernst genommen fühlen und den Arzt wechseln müssen. Aber auch wenn die Diagnose sich lange hinziehen kann, sollten Patienten mit Verdacht auf Reizdarm die Untersuchungen auf jeden Fall durchstehen. Denn nur dadurch lässt sich die Erkrankung bestmöglich behandeln.

Ist es wirklich ein Reizdarm?

Die Ausschlussdiagnose ist deshalb so wichtig, weil eine vorschnelle Diagnose Reizdarm (die beispielsweise nur auf der Patientenbefragung beruht) dazu führen kann, dass andere behandelbare Erkrankung verschleppt wird. Bei etwa fünf Prozent der Patienten, bei denen anfänglich ein Reizdarm festgestellt wurde, wurde im späteren Verlauf eine organische Ursache gefunden.
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