Blinddarmentzündung: Blinddarm oder blinder Alarm?

12. Oktober 2018

Klein, unauffällig, kann aber große Probleme verursachen: Der Wurmfortsatz am Blinddarm hat nicht gerade den besten Ruf. Das ist nicht verwunderlich. Scheinbar hat er keinerlei nützliche Funktion, entzündet sich dafür aber häufig und muss im schlimmsten Fall entfernt werden. Wie aber kommt es zu einer Blinddarmentzündung und anhand welcher Anzeichen können Sie die Erkrankung erkennen? Lesen Sie mehr!

Blinddarmentzündung: Was sind die Ursachen?

Wenn die Verbindung zwischen Blinddarm und Wurmfortsatz verstopft wird, kann dies zu einer Entzündung führen

Die Bezeichnung Blinddarmentzündung ist irreführend und medizinisch nicht korrekt. Denn genau genommen ist nicht der Blinddarm entzündet, sondern der Wurmfortsatz. Dieser durchschnittlich zehn Zentimeter lange und einen Zentimeter dicke „Wurm“ hängt am Blinddarm. Die Verbindung zwischen Blinddarm und Wurmfortsatz kann aus unterschiedlichen Gründen verstopfen, wodurch sich in dem kleinen Stück Darm Bakterien ansammeln und letztlich zu einer Entzündung führen.

Viele Menschen kennen sicher noch die Warnung aus der Kindheit, keine Kirsch- oder Apfelkerne zu verschlucken, weil diese eine Blinddarmentzündung bewirken können. Zwar versperren Fremdkörper manchmal tatsächlich den Eingang zum Wurmfortsatz, jedoch ist die Gefahr im Vergleich zu anderen Ursachen relativ gering. Häufiger kommen Verstopfungen des Eingangs mit Kotsteinen (verhärtete Stuhlreste) als Ursache vor. Des Weiteren kann der Wurmfortsatz durch die Härte des Kots abknicken, wodurch sich der Durchgang zum Blinddarm versperrt. Selten können auch Parasiten wie Würmer, die den Darm befallen, die Öffnung verschließen.

Hat der Wurmfortsatz eine nützliche Funktion?

Lange Zeit wurde angenommen, dass der Wurmfortsatz des Blinddarms keine Funktion für den Körper erfüllt. Neuere Studien zeigen jedoch, dass sich im Wurmfortsatz wichtige Bakterien der Darmflora ansiedeln. Sie überleben auch dann, wenn durch eine Infektionserkrankung die gesamte Darmflora zerstört wird. Nach überstandener Krankheit helfen sie dann, die Darmflora wiederaufzubauen.

Das sind die Anzeichen einer Blinddarmentzündung

Eine Blinddarmentzündung beginnt meist relativ harmlos mit Schmerzen im Oberbauch. Da viele Menschen diese Beschwerden zunächst als normale Bauchschmerzen interpretieren, wird die Erkrankung nicht sofort erkannt. Ein charakteristisches Anzeichen für eine Blinddarmentzündung ist der „wandernde Schmerz“. Das bedeutet, der Schmerz verlagert sich innerhalb weniger Stunden vom Oberbauch in den rechten Unterbauch.

Akut können noch weitere Symptome wie Fieber, Übelkeit oder erhöhter Puls hinzukommen. Die Bauchdecke ist an der Stelle des Schmerzes außerdem ungewöhnlich angespannt und Betroffene empfinden starke Schmerzen, wenn sie ihr rechtes Bein anheben. Bei diesen Anzeichen sollte deshalb unverzüglich ein Arzt aufgesucht werden, der weitere Tests auf eine Blinddarmentzündung durchführen kann.

Nicht immer müssen die Anzeichen einer Blinddarmentzündung jedoch so eindeutig sein. Vor allem bei Kindern, älteren Menschen und Schwangeren können die Symptome zum Teil stark vom klassischen Verlauf abweichen. Bei Kindern sind die Symptome in der Regel stärker, bei älteren Menschen schwächer ausgeprägt. Bei Schwangeren kann der Schmerzpunkt an einer ganz anderen Stelle auftauchen, wie beispielsweise dem Rücken.

Blinddarmentzündung: Was macht der Arzt?

Bei Verdacht auf eine Blinddarmentzündung sollten Sie vorsorglich nichts mehr essen und sofort einen Arzt aufsuchen. Er wird zunächst den Bauch abtasten. Wichtige Hinweise können dem Arzt bestimmte Druckpunkte am Bauch geben, wie der Lanz-Punkt oder der McBurney-Punkt. Drückt der Arzt auf diese Stellen, verstärken sich die Schmerzen. Daneben werden auch Blutuntersuchungen zur Diagnose durchgeführt. Eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen kann nämlich auf eine Entzündung hinweisen. Häufiger wird aber eine Ultraschalluntersuchung gemacht, anhand derer der Arzt den Wurmfortsatz untersuchen kann. Bestätigt sich der Verdacht, ist in den meisten Fällen eine Blinddarm-OP notwendig.

Gut zu wissen: Etwa jeder Zehnte in Westeuropa erkrankt in seinem Leben an einer Blinddarmentzündung. Die Blinddarm-OP ist einer der häufigsten chirurgischen Eingriffe überhaupt. In Deutschland werden pro Jahr etwa 140.000 Operationen durchgeführt.

Gefahr eines Darmdurchbruchs

Werden die Anzeichen der Blinddarmentzündung bestätigt, ist Eile geboten. Aber warum? Was passiert, wenn eine Blinddarmentzündung nicht behandelt wird?

Wird die Blinddarmentzündung nicht rechtzeitig therapiert, besteht die Gefahr eines Darmdurchbruchs (Darmperforation). In diesem Fall platzt der entzündete Wurmfortsatz: Keime und Eiter können sich in die Bauchhöhle ergießen und eine lebensbedrohliche Bauchfellentzündung auslösen.

Warnhinweis eines Durchbruchs ist ein plötzliches Verstärken der Schmerzen im gesamten Bauch. Es muss sofort operiert und zusätzlich mit Antibiotika behandelt werden, um die Bakterien im Körper zu bekämpfen. Zudem setzen die Ärzte häufig eine Drainage zum Ableiten der Flüssigkeit ein.

Die Blinddarm-OP und weitere Therapiemöglichkeiten

Die häufigste Behandlung bei einer Blinddarmentzündung ist die Blinddarm-OP. Sie erfolgt kurz nach der Diagnosestellung des Arztes, meist innerhalb von 48 Stunden. Die operative Entfernung des Wurmfortsatzes zählt mittlerweile zu den Routineeingriffen in deutschen Kliniken und ist mit geringem Risiko verbunden.

Dabei gibt es zwei mögliche Operationstechniken, die angewendet werden können:

  • offene Appendektomie (Bauchschnitttechnik)
  • laparoskopische Appendektomie (Schlüssellochtechnik)

In beiden Fällen wird der Wurmfortsatz abgetrennt und der übrig gebliebene Stumpf mittels einer Naht abgebunden beziehungsweise verödet. Der Unterschied zwischen den beiden Methoden: Bei der konventionellen Bauchschnitt-Methode führt der Chirurg einen etwa sechs Zentimeter langen Schnitt am Unterbauch aus, damit er an den Wurmfortsatz gelangt. Bei der laparoskopischen Appendektomie sind hingegen nur drei kleine Schnitte nötig, durch welche ein Laparoskop (kleine Kamera) sowie die Operationsinstrumente eingeführt werden.

Beide Operationen erfolgen unter Vollnarkose und dauern etwa 20 Minuten. Pauschal lässt sich nicht sagen, welche Operationsmethode bei einer Blinddarmentzündung besser geeignet ist. Jedoch hat sich in den letzten Jahren vor allem die „Schlüssellochtechnik“ durchgesetzt, da die Narben kleiner sind und der Arzt vorher auf dem Bildschirm besser beurteilen kann, ob der Wurmfortsatz tatsächlich entzündet ist. In rund 15 Prozent der Fälle stellt sich während der Blinddarm-OP heraus, dass er gar nicht entfernt werden müsste.1

Lange galt die Operation als einzige wirksame Behandlungsmöglichkeit einer Blinddarmentzündung. Neuere Studien weisen jedoch darauf hin, dass in leichteren Fällen auch eine Antibiotika-Therapie sinnvoll sein kann.

Miriam Och
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Medizinredakteurin und Kommunikationswissenschaftlerin